Die psychische Gesundheit von Piloten und Flugbegleitern: Ein vernachlässigtes Thema mit großen Auswirkungen
- Janina Selbach
- 15. Sept. 2024
- 5 Min. Lesezeit

Das Flugzeug gilt als eines der sichersten Verkehrsmittel. Der größte Sicherheitsfaktor ist dabei allerdings der Mensch. Bei mehr als der Hälfte aller Flugunfälle weltweit (58%) sind die häufigste Ursache die Fehler der Piloten. Wäre es da nicht am sinnvollsten, diese Fehlerquelle zu minimieren, indem sich mit der Gesundheit, insbesondere der psychischen Gesundheit, von Piloten beschäftigt wird? Gerade nach dem tragischen Unglück der Germanwings im März 2015 sollt man meinen, dass das Bewusstsein für die psychische Gesundheit von Piloten erweitert wurde und die Luftfahrt offen darüber spricht. Doch dem ist leider nicht so, auch fast 10 Jahre später wird dieses Thema immer noch sehr stiefmütterlich behandelt und niemand redet gerne drüber.
Ich habe mich mit vielen Leuten über mein Vorhaben unterhalten und alle waren sie der gleichen Meinung: sie wollen, dass der Pilot und auch die Flugbegleiter psychisch gesund sind und sie sich sicher und voller Vertrauen in ein Flugzeug setzen können. Als Passagier legen sie ihr Leben in die Hände der Crew und gehen davon aus, dass sie sicher an ihr Ziel kommen. Doch zuallererst sollten wir uns erstmal anschauen, was die psychische Gesundheit ist und wie sie sich von mentaler Gesundheit unterscheidet.
Psychische und mentale Gesundheit - ist das nicht das Gleiche?
Der Unterschied zwischen mentaler und psychischer Gesundheit ist subtil, aber es gibt spezifische Unterscheidungen, die in der Fachliteratur gemacht werden:
Mentale Gesundheit bezieht sich auf die allgemeine kognitive Funktion und das emotionale Wohlbefinden einer Person. Sie umfasst Fähigkeiten wie Denken, Problemlösen, Entscheidungsfindung, Lernfähigkeit und Gedächtnis. Dabei spielt das geistige Funktionieren eine zentrale Rolle, ebenso wie die Art und Weise, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen und darauf reagieren. Ein gutes Beispiel für eine gesunde mentale Verfassung ist die Fähigkeit, mit Stress umzugehen, produktiv zu arbeiten und einen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten.
Psychische Gesundheit ist ein umfassenderer Begriff, der sowohl die mentale Gesundheit als auch das emotionale und soziale Wohlbefinden einer Person einschließt. Sie betrifft, wie wir unsere Gefühle und Emotionen verarbeiten und regulieren, sowie unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Psychische Gesundheit umfasst das gesamte Spektrum des psychologischen Wohlbefindens, einschließlich der Fähigkeit, mit Lebensveränderungen und Herausforderungen umzugehen. Darüber hinaus schließt sie auch psychische Störungen wie Depressionen, Angstzustände, Schizophrenie und andere psychische Erkrankungen ein.
Zusammengefasst könnte man sagen, dass mentale Gesundheit ein Teilbereich der psychischen Gesundheit ist. Während sich mentale Gesundheit eher auf die kognitiven und intellektuellen Funktionen konzentriert, umfasst psychische Gesundheit ein umfassenderes Spektrum des emotionalen und sozialen Wohlbefindens.
Deswegen spreche ich im Folgenden von psychischer Gesundheit.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert psychische Gesundheit als einen „Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre eigenen Fähigkeiten ausschöpfen, mit den normalen Belastungen des Lebens umgehen, produktiv und fruchtbar arbeiten und etwas zu ihrer Gemeinschaft beitragen kann.“ Diese Definition verdeutlicht, dass psychische Gesundheit weit mehr ist als das bloße Fehlen von psychischen Krankheiten – sie umfasst das allgemeine emotionale, psychologische und soziale Wohlbefinden.
In der Allgemeinbevölkerung wurde insbesondere nach Corona dessen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit thematisiert. Warum nicht in der Luftfahrt, einem Bereich, in dem Sicherheit eine wichtige Rolle spielt - ein Begriff, den sich auch viele Airlines auf ihre Fahne schreiben.
Welche Bedeutung hat die psychische Gesundheit in der Luftfahrt?
Dass die Luftfahrt für dieses Thema noch nicht offen ist, habe ich zu Beginn meiner Selbständigkeit festgestellt: auf meine Anfrage, ob ich auf mein Angebot aufmerksam machen darf - sei es in Flugschulen, Internetforen oder bei Gewerkschaften - gab es entweder gar keine Rückmeldung oder aber „Nein, wir haben kein Interesse an sowas“.
Bereits in meiner Bachelorarbeit habe ich die Auswirkungen der Corona Pandemie auf die psychische Gesundheit von Piloten untersucht und dabei festgestellt, dass diese - wenn auch nur geringe - Auswirkungen hatte.
In der Luftfahrt spielt die psychische Gesundheit eine zentrale Rolle. Piloten und Flugbegleiter tragen eine enorme Verantwortung: Sie sind nicht nur für die Sicherheit und das Wohlbefinden von Hunderten von Passagieren verantwortlich, sondern müssen auch unter extremen Bedingungen und oft in stressigen Situationen arbeiten.
Eine gute psychische Gesundheit der Crew ist entscheidend für die Flugsicherheit. Untersuchungen zeigen, dass psychische Erkrankungen bei Piloten und Flugbegleitern schwerwiegende Folgen haben können, nicht nur für das individuelle Wohlbefinden, sondern auch für die Sicherheit im Flugverkehr. Ein bekannter Fall, der die Bedeutung dieser Thematik unterstreicht, ist der tragische Absturz von Germanwings Flug 9525 im Jahr 2015, bei dem der Co-Pilot, der an einer schweren psychischen Erkrankung litt, absichtlich das Flugzeug zum Absturz brachte.
Obwohl die psychische Gesundheit in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens zunehmend Beachtung findet, ist sie in der Luftfahrt nach wie vor ein Tabuthema. Piloten und Flugbegleiter sind oft zögerlich, psychische Probleme zuzugeben, aus Angst vor Stigmatisierung und beruflichen Konsequenzen. Dies führt häufig dazu, dass psychische Erkrankungen verheimlicht werden.

Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen
In den letzten Jahren haben einige Organisationen und Experten begonnen, dieses Problem stärker in den Fokus zu rücken. Initiativen wie das Mental Health Support Program der Federal Aviation Administration (FAA) oder die Sensibilisierungskampagnen der Air Line Pilots Association (ALPA) zielen darauf ab, das Bewusstsein für psychische Gesundheit in der Luftfahrt zu schärfen und Unterstützung anzubieten.
Piloten sind extremen Belastungen ausgesetzt: unregelmäßige Arbeitszeiten, lange Dienstzeiten, Zeitdruck, Wetterbedingungen und technische Probleme. Diese Belastungen können zu Stress, Angstzuständen und Depressionen führen. Eine Umfrage der FAA ergab, dass ein signifikanter Anteil der Piloten unter psychischen Erkrankungen leidet, diese jedoch selten gemeldet werden.
Fluggesellschaften und Regulierungsbehörden müssen Maßnahmen ergreifen, um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu unterstützen. Dazu gehören regelmäßige psychologische Untersuchungen, Zugang zu psychologischer Beratung und die Förderung einer offenen und unterstützenden Unternehmenskultur, in der Piloten und Flugbegleiter ihre psychischen Probleme ohne Angst vor Konsequenzen ansprechen können.
Auch Flugbegleiter stehen unter enormem Druck. Sie müssen sich nicht nur um die Sicherheit und das Wohlbefinden der Passagiere kümmern, sondern sind auch häufig mit schwierigen oder sogar aggressiven Passagieren konfrontiert. Lange Arbeitszeiten und das ständige Reisen können zu Schlafmangel und Erschöpfung führen, was die psychische Gesundheit zusätzlich belastet.
Es ist wichtig, dass auch Flugbegleiter Zugang zu psychologischer Unterstützung haben. Trainingsprogramme zur Stressbewältigung und Maßnahmen zur Förderung des Wohlbefindens können dazu beitragen, die psychische Gesundheit dieser wichtigen Berufsgruppe zu stärken.
Ein Aufruf zum Handeln
Die psychische Gesundheit von Piloten und Flugbegleitern ist ein entscheidender Faktor für die Sicherheit und Effizienz im Luftverkehr. Es ist an der Zeit, dass die Luftfahrtbranche dieses Thema ernst nimmt und konkrete Maßnahmen ergreift, um das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter zu fördern. Nur durch eine offene und unterstützende Kultur können wir sicherstellen, dass Piloten und Flugbegleiter ihre wichtige Arbeit sicher und effektiv ausführen können. Ich freue mich, mit meinen Erfahrungen in der Luftfahrt und meinen Kenntnissen im Bereiche Psychologie und Coaching den Weg zu ebnen, damit sich zukünftig ohne Scham und Angst an einen Coach gewendet wird und die Luftfahrt offen für dieses Angebot ist. Denn allein die Tatsache, über seine Herausforderungen und Belastungen mit jemandem zu reden, der das Ganze objektiv betrachtet, führt schon dazu, dass sich diese nicht zu schwerwiegenderen (psychischen) Problemen entwickeln.
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